LUISE SCHÖNHUBER

Die Geschichte einer Südtirolerin

Ein Mädchen zwischen Puppen und Porzellan

Alles begann am 14. Februar 1880.

An jenem Morgen war Bruneck unter einer flauschigen Schneedecke aufgewacht. Wie jeden Tag stieg Spenglermeister Johann Schönhuber die Treppen seines Hofs herab und machte sich in die Werkstatt und das Geschäft auf, wo er Haushaltsutensilien herstellte und verkaufte.

Gegen zehn Uhr, er bediente gerade Frau Strobl, drang plötzlich ein durchdringender Schrei aus dem Obergeschoss. Auf einen Schlag ließ Johann alles liegen und stehen, sprang wie eine Gämse die Treppe hinauf und stürzte sich in das Zimmer, aus dem die Schreie kamen.

In dem Augenblick sah er sie zum ersten Mal. In den Armen ihrer Mutter liegend, mit himmelblauen Augen und dem zaghaften Lächeln der Neugeborenen: Die kleine Luise war just zur Welt gekommen.

Ihre Kindheit verbrachte Luise zwischen den Geschäftsregalen. Wie eine Ballerina balancierte sie zwischen zerbrechlichem böhmischen Porzellan, und jedes Mal erblasste ihr Vater vor Schreck, wenn er sie dabei ertappte, wie sie ihren Puppen den Tee in den kostbarsten Tassen servierte. Bereits damals wusste die Kleine die schönen Dinge zu erkennen, und mit der Zeit an der Seite ihres Vaters wurde sie immer gewandter im Umgang mit Porzellan, Glaswaren und Geschirr.

Die Begegnung mit Germano Franch

Luise mit Familie: Ehemann Germano und Söhne Riccardo, Paolo, Roberto und Nino
Luise mit Familie: Ehemann Germano und Söhne Riccardo, Paolo, Roberto und Nino

Eines schönen Frühlingstages spazierte Luise – mittlerweile eine junge Dame - der Rienz entlang, als sich ihr schüchterner Blick in den Augen von Germano Franchi verfing. Er war ein forscher junger Mann aus dem Nonsberg und als Bahnhofsvorsteher in Bruneck tätig. Bald darauf gaben sich die zwei Verliebten zum Festgeläute der Kirchenglocken von Bruneck ihr Eheversprechen: Wir schreiben das Jahr 1909.

Einer nach dem anderen kommen die kleinen Richard, Paul, Anton und Robert zur Welt und erweitern die Familie. Der erste Weltkrieg bricht bald nach der Geburt von Paolo aus, der seine Kindheit in der mütterlichen Obhut und geborgen vor den Wirren des Krieges verbringt.

1921 wird Germano nach Bozen versetzt, und mit ihm bricht die ganze Familie auf. Kurz zuvor war das Familienoberhaupt Johann verstorben, und wie es der Brauch in Tirol wollte war die Firma Schönhuber damit in die Hände des ältesten Sohnes Pepi übergegangen.

Mit dem väterlichen Einkommen allein ist das Leben in Bozen kein leichtes. Die Familie lebt in einer kleinen, kargen Wohnung in der Laubengasse Nummer 34. Das Küchenfenster blickt direkt auf die Straße, und Luise beobachtet oft das Kommen und Gehen der vielen Menschen, die sich Tag für Tag vor den Läden drängen.

So kommt es, dass sie eines Samstagmorgens den kleinen Roberto in eine Decke wickelt und mit ihm den Zug nach Bruneck besteigt. Luise ist fest entschlossen: Sie will ihren Bruder Pepi und seine Frau Rosa überzeugen, eine Filiale der Firma Schönhuber in Bozen zu eröffnen. Der Bruder kennt die Tatkraft und Entschlossenheit seiner Schwester und stimmt ihrem Vorhaben zu.

Kurz darauf nimmt Luise 1922 in der Museumsstraße Nummer 11 die Führung des ersten Schönhuber-Ladens in Bozen auf.

Die Geschäfte laufen gut, und für die Familie Schönhuber-Franchi fangen endlich bessere Zeiten an.

Aber Luise ist eine unabhängige Frau: Sie leiht eine stattliche Summe Geld von den Verwandten ihres Mannes und beschließt, die Bozner Filiale zu kaufen. Ein gewagter Entschluss, bewogen von ihrem Mutterinstinkt und dem Wunsch, ihren Kindern eine bessere Zukunft zu sichern.

In wenigen Jahren gelingt es Luise, alle Schulden zu begleichen, aber noch ist die Zeit der Fröhlichkeit nicht gekommen. Seit einiger Zeit ist der Gatte Germano schwer krank, und mit ihren heranwachsenden Kindern muss Luise einer ungewissen Zukunft entgegenblicken.

Die schwierigen Jahre

Es sind die schwierigen Jahre des Faschismus, der Repression, der Streifzüge Tolomeis durch die Südtiroler Täler und der Katakombenschulen, während ein neuer Krieg sich ankündigt.

In ihre Kinder setzt Luise all ihre verbleibende Hoffnung. Nino und Roberto sind noch sehr jung, und der Älteste, Riccardo, besucht bereits die Universität in Venedig (er wird später Eisenbahninspektor). Somit trifft es Paolo: Er verlässt das geliebte humanistische Gymnasium und besucht fortan die Handelsschule. Aber die Zeit läuft weiter und legt niemandem Rechenschaft ab.

Germano Franch, Franchi für den Präfekten, Ehemann von Luise Schönhuber und Vater von vier Söhnen, stirbt Im März 1933.

Zeit zum Verzagen bleibt wenig. Paolo krempelt sich die Ärmel hoch und macht sich auf den Weg nach Udine. Dort erwartet ihn ein Freund und Inhaber einer bedeutenden Firma aus der Branche. Paolo ist ein helles Köpfchen, er lernt schnell, sammelt Erfahrung, und nach wenigen Monaten ist er bereit für die Rückkehr nach Bozen.

Talferwiesen: Roberto, Paolo, Riccardo, Nino
Talferwiesen: Roberto, Paolo, Riccardo, Nino

Aufbruchsstimmung

Lagerhalle in der Romstraße
Lagerhalle in der Romstraße

Der junge Franchi hat große Ideen und ist ein unabhängiger Geist wie seine Mutter. Und genau deshalb kommt es zum Kontrast mit ihr. Luise ist besorgt um die Zukunft der anderen Kinder, aber Paolo hat seine Entscheidung gefällt. In kurzer Zeit investiert er all seine Ersparnisse, die 20.000 Lire seines Anteils an der Lebensversicherung des Vaters, und pachtet das Geschäft in der Bozner Laubengasse Nummer 45 von der Familie Eccel.

Man schreibt den 11. Dezember 1933, in wenigen Tagen ist Weihnachten und das erste Bozner Schönhuber-Franchi-Geschäft öffnet offiziell seine Tore.

Mit ihrer Erfahrung, Besonnenheit und ihrem mütterlichen Sinn bleibt Luise unumstößlich in ihrer Entscheidung, das Geschäft in der Museumsstraße beizubehalten. Aber Paolo ist ein zielstrebiger junger Mann. Er gewinnt das Vertrauen von Dr. Vois, dem Generaldirektor der Richard-Ginori, der einzigen wichtigen Keramikindustrie in Italien. Die Anforderungen des Zwanzigjährigen sind kühn. Er möchte eine finanzielle Unterstützung in Form von Porzellanlieferungen, mit Rückzahlungsfrist auf unbestimmte Zeit. Eine schwierige Forderung; dennoch lässt sich Dr. Vois darauf ein, bedingt auch durch den Umstand, dass Germano - Gott hab ihn selig - ebenso wie er selbst aus dem Nonsberg stammte.

Endlich scheinen Bravour und Glück zusammengefunden zu haben, und nach nur einem Jahr stimmt Luise der Schließung des Geschäfts in der Museumstraße zu, um die Anstrengungen fortan auf die neue Aktivität des Sohnes zu konzentrieren.

Die folgenden Jahre sind die der Blüte. Der gute Ruf von Schönhuber-Franchi nimmt rasch zu, die Kinder wachsen heran, und endlich kehrt ein Lächeln auf Luises Gesicht zurück.

 

Doch die dramatischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts waren noch nicht überstanden.

Bozen im Bombenhagel

Der Krieg veränderte alles auf ein Neues. Um den Verbrauch einzudämmen untersagte eine Regierungsverordnung den Verkauf aller branchentypischen Produkte und begrenzte diese auf sehr wenige „Typen“ , die nur schwer zu finden waren und festgesetzte Preise hatten. Unvermeidlich wie ein Blitz im Unwetter folgte die Unterbrechung der Aktivität und die Schließung der Firma auf unbestimmte Zeit.

Die wertvolle Ware, die im Geschäft unter den Lauben zurückgeblieben war, wurde in zahlreiche Kisten verpackt und der Obhut einiger Bekannten aus dem Nonsberg anvertraut. In der Zwischenzeit wurde der Lagerraum am Bozner Boden durch einen Bombenangriff komplett zerstört.

Wieder einmal musste Luise auf ihren mütterlichen Schultern die Last einer getrennten und zerstreuten Familie tragen. Der älteste Sohn Riccardo kam 1943 auf den Drei Zinnen zu Tode, und Paolo wurde dem Zivildienst im “Ernährungsamt” der Operationszone Alpenvorland zugeteilt. Nino wurde hingegen den Alpini zugewiesen, verbrachte einige Zeit in Gefangenschaft kehrte schließlich kurz vor dem 25. Apri1945 nach Bozen zurück: Es war das Ende des Krieges.

Für Südtirol blieben die Zeiten dennoch harsch. Die Wunden der faschistischen Zeit waren noch nicht verheilt, die gesellschaftlichen und politischen Spannungen noch lebendig.

Die Zeit des Wirtschaftswunders

1958 - Messe in Hannover, Nino mit seinem Mitarbeiter
1958 - Messe in Hannover, Nino mit Mitarbeiter
1949 - Geschäftseinweihung in Trient
1949 - Geschäftseinweihung in Trient

Alles muss von vorne angegangen werden; auch die Kisten voller Waren, die am Nonsberg untergebracht waren, hatte man geplündert. Luise kann aber nicht warten, sie hat eine Familie, für die sie sorgen muss. Wie schon so oft holt sie all ihre Charakterstärke aus sich heraus und nimmt die Führung der Familie wieder in die Hand.

Paolo baut eine neue Firma auf, die zeitweise mit der Tschechoslowakei arbeitet; 1953 zieht er nach Mailand um und führt dort seine Tätigkeit weiter, die heute noch immer floriert.

Nino hingegen errichtet ein neues Lagergebäude in der Industriezone auf einem Gelände, dass er unmittelbar vor dem Krieg erstanden hat. Die Aufbruchsstimmung ist spürbar, und in kürzester Zeit baut er den später vorwiegenden Zweig des Familienbetriebs auf: Hotelzubehör. Nino gelingt es, wichtige Alleinvertriebsrechte von einigen ausländischen Firmen zu erhalten. Die Produktion läuft wieder an und der Detailhandel unter den Lauben wird durch ein Geschäft in der Museumsstraße und eines am Waltherplatz ersetzt. 1949 kommt Schönhuber-Franchi auch nach TrientIn den Jahren des Wirtschafsbooms kommt der Wohlstand für alle. Während der Zweig Hotelzubehör in ganz Europa wächst etablieren sich die Geschäfte in Bozen jeden Tag mehr.


Luise Schönhuber
Luise Schönhuber

Eine Frau aus Südtirol

Endlich erlebt Luise ihre Kinder sorglos. Sich vom Geschäft zu lösen gelingt ihr dennoch nicht.

Bis zum Dezember 1970 ist sie jeden Tag dort anzufinden, angetrieben von derselben Leidenschaft für Porzellan wie damals, als sie ihren Puppen den Tee unter dem besorgten Blick von Vater Johann servierte.

Dann, an einem Wintertag wie jenem von neunzig Jahren zuvor, schließt Luise ihre Augen für immer.

Sie war durch zwei Jahrhunderte und zwei Weltkriege gegangen, hatte das österreichisch-ungarische Kaiserreich erlebt, den Faschismus und den Autonomiekampf von Silvius Magnago. Sie war liebevolle Mutter, unabhängige Frau und zielstrebige Unternehmerin gewesen.

Dies ist die Geschichte von Luise Schönhuber in Franchi, einer Frau aus Südtirol.


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